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Futuring - Unternehmen auf das Unbekannte vorbereiten
 
Stefan Reschke; Birgit Weimert
 

Angesichts von Krisen und wachsendem Veränderungsdruck stellt sich für viele Branchen die Zukunftsfrage dringender denn je. Mit Hilfe des Futuring können Unternehmen Alternativen vordenken, Marktunsicherheiten minimieren und das strategische Potenzial unterschiedlicher Pfade in die Zukunft ausloten.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • wie Zukunftsforschung Unternehmen bei der Orientierung für künftige Entwicklungen hilft,
  • wie sich Veränderungsmöglichkeiten frühzeitig erkennen lassen,
  • wie Futuring die Strategieentwicklung und -überprüfung unterstützt.

 

Was ist Futuring?

Unter dem Begriff Futuring versteht man angewandte Zukunftsforschung, also das systematische und zielgerichtete Erschließen zukünftiger Entwicklungsmöglichkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Zukunftsforschung als Grundlage des heutigen Futuring entstand nach dem 2. Weltkrieg als eigenständiger Wissenschaftszweig, das heißt, zur Untersuchung eines noch nicht existenten Objektbereichs wurden neue analytische Methoden eingesetzt und wissenschaftliche Qualitätskriterien angelegt. Das Futuring beinhaltet die Ermittlung wahrscheinlicher, möglicher also auch unwahrscheinlicher und wünschbarer Zukünfte und deren Gestaltungsoptionen. So kann es in einer Zeit zunehmender Dynamik und Komplexität fundierte Orientierungshilfen bieten und Handlungsoptionen aufzeigen.

Derzeit existieren zwei Hauptströmungen, die sich unterscheiden lassen in:

  • Foresight und
  • technologieorientierte Vorausschau einschließlich Technikfolgenabschätzung.

Foresight widmet sich hauptsächlich sozio-ökonomischen, politischen und ökologischen Entwicklungen insbesondere in der ferneren Zukunft. Hier geht es in einem zunehmend partizipativen Prozess darum, gemeinsam getragene Zukunftsvisionen zu entwickeln sowie nachhaltige Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse anzustoßen.

Technologieorientierte Vorausschau befasst sich mit der Identifizierung und Beobachtung emergenter Technologien sowie der Extrapolation technologischer Entwicklungsstränge von »übermorgen« bis in die ferne Zukunft.

Beim Futuring begegnet man sehr verschiedenen Qualitäten von Zukunftsentwicklungen. Ein Gefühl für die Vielfalt und unterschiedlichen Aspekte der angewandten Zukunftsforschung gibt zum Beispiel Pillkahns Zukunftsmodell als Spektrum der Veränderungen und des Wissens siehe Abb. 1.

Abb. 1:

Zukunftsmodell als Spektrum der Veränderungen und des Wissens Quelle: [14]

Das Futuring kennt inzwischen sehr viele Methoden, Varianten und Bezeichnungen, unterschiedlichste Akteure und Motivationen Kennzeichen einer sehr dynamischen Entwicklung. In diesem Beitrag wollen wir uns nach einer Einführung in die Thematik exemplarisch mit einigen ausgewählten Methoden für eine eher technologieorientierte Vorausschau befassen.

Relevanz des Futuring für die strategische Planung und in der Frühphase des Produktentstehungsprozesses

Die Zukunft erscheint uns oft wie ein Buch mit sieben Siegeln, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Instabilität. Und mit den Worten des Kabarettisten Karl Valentin sie ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Valentins Ausspruch zeigt das Dilemma: Wir können noch so viel aus Vergangenheit und Gegenwart lernen, selbst die nahe Zukunft kann gehörig neben unseren Erwartungen liegen, die wir normalerweise wiederum aus unserer Lebenserfahrung ableiten. Dies gilt für das Individuum, die Gesellschaft und insbesondere auch für die Wirtschaft.

Auf der anderen Seite motiviert ein Zitat des Autors William Gibson: »Die Zukunft ist schon da, sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt«. In Bezug auf Technologien mag hier die deutsche Industrie als Negativbeispiel stehen: In Deutschland wurden zwar über die letzten Jahrzehnte viele, später bahnbrechende Erfindungen gemacht und Entwicklungen initiiert, gleichmäßig verteilt wurden sie aber zum Beispiel von der japanischen oder amerikanischen Industrie. Hierzu gehören Produkte wie Computer Zuse, 1941, Kreiskolbenmotor Wankel und Paschke, 1957, Video2000 Grundig, 1963, Compact Disc Philips/Grundig, 1974 oder das MP3-Format Fraunhofer IIS, 1992.

Bei kürzer werdenden Produktzyklen, einer zunehmenden Zahl von Alternativen, einer sich beschleunigenden Entwicklung des technischen Fortschritts, sich sättigenden, teils inkohärenten Märkten und schrumpfenden Ressourcen wird es immer wichtiger, die richtigen Innovationen zur rechten Zeit am richtigen Platz bereit zu haben. Das heißt nicht nur, den künftigen Kundenwunsch zu erkennen, sondern auch, gewappnet zu sein gegenüber wirtschaftlichen und technologischen Diskontinuitäten. Eine zentrale Aufgabe der Strategischen Planung in Unternehmungen ist es dabei, ferne mögliche Zukünfte in Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie zu antizipieren, daraus relevante künftige Produkt- und Technologieentwicklungen »vorherzusehen«, rechtzeitig entsprechende Weichenstellungen vorzunehmen und Frühwarnsysteme zum Erkennen von Chancen und Risiken zu installieren. Das Futuring stellt dafür einen Satz an geeigneten und anpassbaren Methoden zur Verfügung. Sie lassen sich zum Teil recht einfach in Standardprozesse des Produktentstehungsprozesses einbinden beziehungsweise an sie anfügen, oder ihre Ergebnisse können auch in das bestehende Technologie- und Innovationsmanagement eingebracht werden.

Das Futuring ist die Kernaktivität der firmeninternen Wissensgewinnung in Bezug auf Zukunftsfragen. Insbesondere im angelsächsischen Raum wird das Futuring längst nicht mehr als reines Mittel zur Informationsbeschaffung gesehen, sondern als eigenständiger strukturierter Prozess sowie als eine Plattform für zukunftsgerichteten Erkenntnisaustausch und strategisches Denken. Dadurch integriert es die strategische Frühaufklärung und Vorausplanung, das Innovationsmanagement und gegebenenfalls auch das Risikomanagement. In Deutschland wird ein solch umfassendes Zukunftsmanagement bislang nur von wenigen, überwiegend großen Unternehmen konsequent praktiziert.

Grundprinzipien

Sowohl die sozio-ökonomische Foresight als auch die technologieorientierte Vorausschau haben eine Vielfalt an Einzelmethoden und Verfahren oder adaptierten Methoden aus anderen Bereichen wie dem Pool der Kreativtechniken oder dem Innovations- und Technologiemanagement entwickelt. Oft ähneln sie einander und zeigen fast immer die gleiche prinzipielle Abfolge in der Vorgehensweise:

  • Problemabgrenzung und Präzisierung,
  • Datensammlung und -strukturierung,
  • Entwurf der Zukunftsbilder,
  • Bewertung der künftigen Zustände mit Entscheidungsfindung,
  • Kommunikation der Ergebnisse und ihre Umsetzung.

Es lassen sich grob zwei Ansätze unterscheiden, nämlich datenbasierte und expertenbasierte Methoden. Ihr Charakter kann qualitativ oder quantitativ sein, ihre Zielrichtung explorativ Erkunden möglicher Zukünfte oder normativ Entwurf wünschbarer Zukünfte. Aus den eher schlechten Erfahrungen mit rein quantitativen Methoden heraus, die unter anderem auf unzureichende Datenlage und Modelle für die exakte mathematische Abbildung von Zukünften zurückzuführen sind, verlagert sich seit einiger Zeit der Anwenderfokus auf qualitative oder semi-quantitative Methoden. Je weiter der Beobachtungszeitraum in der Zukunft liegt, desto sinnvoller sind qualitative Ansätze.

Methodenklassen

Aus anwendungsorientierter Sicht ist eine Unterteilung der Futuring-Methoden in bestimmte Klassen sinnvoll. Unser hier genutzter Strukturierungsansatz clustert über 100 Methoden auf einer zweidimensionalen »Landkarte« in fünf ineinandergreifenden Gruppen:

  • Diagnosemethoden,
  • Prognosemethoden,
  • Kreativmethoden,
  • planend-evaluierende Methoden und
  • partizipative Methoden siehe Abb. 2..

Abb. 2:

Methodenlandschaft des Futuring Dr. Birgit Weimert, Fraunhofer INT 2008

Darüber hinaus kann auch eine methodische Metaebene identifiziert werden, auf der sich Rahmenkonzepte finden, die situationsangepasst setzkastenartig mit unterschiedlichen Einzelmethoden ausgefüllt werden können. Die jeweilige Position einer Methode auf der Landkarte hängt dann davon ab, welcher Akzent als der jeweils wesentliche herausgestellt werden soll. Bei den hier aufgeführten Methoden handelt es sich also sowohl um klar abgegrenzte Einzelmethoden mit genau festgelegten Schritten zum Beispiel Zukunftswerkstatt, als auch um Verfahren, die einen Methoden-Mix darstellen zum Beispiel Szenario-Methoden, aber auch um Konzepte wie das Eltviller Modell.

Mit Hilfe der Diagnosemethoden wird eine sachliche Wissensbasis geschaffen. Sie dienen somit der Gewinnung eines Gesamtbildes. Mit Prognosemethoden lassen sich Aussagen über zukünftige Entwicklungsverläufe erzielen. Sie beruhen unter anderem auf Daten oder begründbarem Erfahrungswissen. Aussagen über die Zukunft können sich auch durch planend-evaluierende Verfahren gewinnen lassen. Sie dienen insbesondere der Einbindung der gewonnenen Erkenntnisse in die Planung und Umsetzung. Kreativmethoden werden überwiegend unterstützend innerhalb anderer methodischer Ansätze angewandt. Partizipative Methoden werden hauptsächlich eingesetzt, wenn es um die Gestaltung der Zukunft oder die Entwicklung einer gemeinsamen Vision geht. Grundgedanke hierbei ist, dass Zukunftsentwicklungen primär durch Faktoren wie Glauben und Handeln von Individuen, Organisationen und Institutionen getragen werden.


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Stefan Reschke

arbeitet seit 1999 als Senior Scientist am Fraunhofer Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen (Fraunhofer INT) in Euskirchen überwiegend in den Bereichen Technologiefrüherkennung, -monitoring und -bewertung sowie Methodenentwicklung Zukunftsforschung. Ein weiteres Interessensfeld ist die Verzahnung des Futuring mit Methoden des TIM. Zusätzlich ist er assoziierter Wissenschaftler am Kompetenzzentrum Glas (VILA - Joint Glass Centre of IIC SAS, TnU, and RONA j.s.c.) an der Universität zu Trencin, SK. Stefan Reschke studierte Werkstoffwissenschaften an der FAU Erlangen-Nürnberg sowie Geowissenschaften mit Schwerpunkt Technische Mineralogie an der TH Darmstadt. Anschließend forschte er ebendort, an der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Bratislava und der Universität Oxford an polymerabgeleiteten Hochleistungskeramiken sowie keramischen Verbundwerkstoffen und war Projektleiter Internationale Kooperationen an der TU Darmstadt.
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Dr. Birgit Weimert

arbeitete nach ihrer Promotion in theoretischer Physik an der TU Clausthal für zwei Jahre als Postdoc an einem Forschungsinstitut. Danach war sie in den Branchen Energie sowie Luft- und Raumfahrt tätig, wo sie sich u.a. mit Simulationen technischer und ökonomischer Prozesse befasste. Seit 2005 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen in Euskirchen tätig. Sie besitzt langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der fachlichen Analyse und Prognose technologischer Entwicklungen in unterschiedlichen Technologiefeldern. Zusätzlich befasst sie sich mit der Beobachtung der internationalen Foresight-Szene einschließlich der Analyse aktueller Foresight-Prozesse und -Studien sowie neuer Entwicklungen im Bereich der Methoden der Zukunftsforschung. Des Weiteren ist sie an der Erarbeitung wissenschaftlicher Methodologien und Prozesse im Bereich der Technologiefrühaufklärung beteiligt. Sie ist Mitglied im Netzwerk Zukunftsforschung.
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