Symposion Publishing
      
Die frühe Innovationsphase
Methoden und Strategien für die Vorentwicklung     
Über Erzählungen und Diskurse Innovationschancen aufspüren
 
Lutz Becker; Andreas Müller
 

Dienen Narrative, die kleinen und großen »Geschichten«, wirklich nur der Unterhaltung? Wenn sich die Narrative ändern, lassen sich daraus womöglich Ansätze für Innovationen ableiten? Die Autoren entwerfen ein Layout für die Nutzung narrativer Veränderungen im unternehmerischen Handeln.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • welche Möglichkeiten der »Früherkennung« es gibt (Signale als Entscheidungsbasis),
  • wichtige Informationen zum Thema »Strategie und Innovation« sowie »Narrative«,
  • Wesentliches bezüglich der methodischen Grundlagen (plus Anwendungsbeispiele).

 

Einleitung Zwischen Seemannsgarn und geplanter Innovation

»Das Leben als solches ist nicht die Wirklichkeit. Wir sind es, die Steinen und Kieseln Leben verleihen.« [1]

»Da kam ein Brüllen und Röhren wie von einem heranrasenden Schnellzug. Höher und höher erhob sich das Heck. Ice Bird nahm Fahrt auf und sauste und surfte auf ihrer Nase vorwärts. Dann drehte sie gewaltsam nach Steuerbord .... Einen Augenblick später explodierte der schwankende Brecher genau über uns und schleuderte die Yacht auf die Backbordseite. Die Pantryregale rissen aus ihrer Verankerung und krachten mit einer Kaskade von Gläsern, Töpfen und gesplittertem Holz nach unten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wohin ich geschleudert wurde.« [2] So schildert der Australische Einhandsegler David Lewis die Kenterung seiner zehn Meter langen Stahlyacht Ice Bird am 29. November 1972 in den arktischen Gewässern unweit des 60. Breitengrades.

Geschichten von Monsterwellen, Kaventsmännern und Freak Waves sind älter als die christliche Seefahrt. Geschichten, die vielleicht Gänsehaut verursachen, aber doch sehr weit weg von einem rationalen Weltbild zu sein scheinen. Als kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1978 der 263 Meter lange Frachter MS München mit 28 Seelen an Bord nördlich der Azoren versinkt, werden Spekulationen, sie könnte von eine Monstersee getroffen worden sein, von Experten noch als Hirngespinste und Seemanngarn abgetan irgendwo zwischen Klabautermann, Mahlstrom und dem Ungeheuer von Loch Ness. Wellen dieser Höhe passen nicht in das Konzept klassischer Physik. Nach den Modellen der Wissenschaftler kann es solche gefährlichen Wellen gar nicht oder allenfalls alle 10.000 Jahre geben.

Doch spätestens zwei Ereignisse im Februar 1982 und im Februar des Jahres 2001 zwingen Experten und Wissenschaft zum Umdenken. Am Valentinstag 1982 zertrümmert eine mehr als 30 Meter hohe Welle ein Fenster der Ölplattform »Ocean Ranger«. Das einströmende Wasser löst einen Kurzschluss aus, die Pumpen, die sonst die Plattform stabilisieren, geraten außer Kontrolle. Die Bohrinsel kentert, 84 Besatzungsmitglieder sterben in der aufgewühlten See.

Auf einer Reise vom südlichen Argentinien nach Rio de Janeiro gerät das deutsche Kreuzfahrtschiff MS Bremen am 22. Februar 2001 in einen schweren Sturm. Der Kapitän der Bremen, Heinz Aye, wird später von einer 35 Meter hohen Riesenwelle berichten, die einen Teil der Brücke des 111 Meter Schiffes zerstört. Wassermassen dringen ein und setzen die gesamte Elektronik samt Schiffsdiesel außer Betrieb. Das angeschlagene Kreuzfahrtschiff treibt laut Logbuch mehr als eine halbe Stunde mit schwerer Schlagseite im stürmischen Atlantik. Erst als es der Besatzung gelingt, einen Hilfsdiesel zu starten, kann die prekäre Lage entschärft werden.

Heute weiß man nicht nur, dass das vermeintliche Seemannsgarn von Monsterwellen und Kaventsmännern sehr wohl einen wahren Kern hat, sondern auch, dass die wissenschaftlichen Modelle zur Beschreibung versagt haben. Inzwischen werden, zum Beispiel im Rahmen des EU-Forschungsprojekts »Maxwave«, die Ozeane systematisch nach Freak Waves abgescannt und man ist sich sicher, dass Kaventsmänner weder Seemannsgarn noch extrem seltenes Naturphänomen, sondern ein recht häufig in Erscheinung tretendes und ernsthaftes Problem für die Seefahrt sind. [3]

Szenenwechsel: Wenden wir uns der Wirtschaftskrise zu. Mitte Dezember 2008 muss der Wirtschaftsweise Bert Rürup angesichts der Wirtschaftskrise förmlich »die Hose herunterlassen«. In einem Fernsehinterview gibt er unumwunden zu, dass die Modelle versagt haben. Ähnlich äußert sich zur gleichen Zeit sein wirtschaftsweiser Kollege Peter Bofinger in den Medien. Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI, bringt das Problem so auf den Punkt: »Wir haben alle versagt. Keiner hat die Rezession in ihrer Stärke erkannt. Andererseits ist die Krise einmalig und so schnell gekommen, dass sie mit unseren herkömmlichen Forschungsansätzen nicht identifizierbar war. Bei solchen starken Krisen versagen unsere bisherigen Modelle.« [4]

Wenn man dagegen nach den ersten Warnhinweisen für eine Wirtschaftskrise sucht, stellt man fest, dass es schon um das Jahr 2003/2004 herum nicht nur eine Verdichtung von Signalen, sondern bereits eine handfeste Diskussion über eine drohende Krise gab. [5] Der Karlsruher Jurist Harald Wozniewski warnt bereits seit Jahren mit guten Argumenten vor strukturellen Problemen der Weltwirtschaft und einem möglichen Zusammenbruch. [6] Zudem erinnert einer der Verfasser an ein Gespräch mit einem Freund, der vor einigen Jahren nach einer USA-Reise besorgt von den zahlreichen »For Rent« und »For Sale«Schildern erzählte. Er hatte seinerzeit das Gefühl, dass das nicht gut gehen kann.

Solche Geschichten werfen spannende Fragen auf. Gibt es so etwas wie emergente Narrative, die gesellschaftliche, politische oder ökonomische Umbrüche vorwegnehmen? Kann man diese operationalisieren und wie kann man sie operationalisieren? Hätte man den Crash vermeiden oder wenigsten die Wirtschaft darauf vorbereiten können, wenn man mahnende Stimmen ernst genommen hätte? Hätte man das Unglück der München und andere Schiffskatastrophen vermeiden können, wenn man auf die alten Erzählungen, das Seemannsgarn, gehört hätte? Wenn das Versagen von Modellen, das Nichtfunktionieren von Prognosen, das Zusammenbrechen von Planungen in einer komplexen und die dynamischen Welt die Regel ist, und wenn die Erzählungen, also das, was wir Narrative nennen, den Fakten und Modellen vorauseilt, hat das interessante Konsequenzen.

Was ist, wenn sich in dem, was erzählt wird, verstecktes Wissen widerspiegelt, das ökonomisch verwertet werden kann? Oder um noch einen Schritt weiter zu gehen: Könnten diese Geschichten im Rahmen von Innovationssystematiken Verwertung finden? Genau mit diesem Aspekt wollen wir uns im Folgenden befassen.

Früherkennung und »schwache Signale« als Entscheidungsbasis

1976 erscheint, geprägt von den Erfahrungen der Ölkrise der 1970er Jahre, in der Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung ein Beitrag des russischstämmigen US-Amerikaners H. Igor Ansoff 1918-2002. In seinem Beitrag wirft Ansoff die Frage nach strategischen Überraschungen und schwachen Signalen, die diesen Überraschungen möglicherweise vorauseilen, sowie der daraus abgeleiteten Frage nach Möglichkeiten der strategischen Früherkennung auf. [7] Ansoff geht es um »strategic preparedness« das Vermeiden von strategischen Überraschungen »before the fact«, also bevor sich Diskontinuitäten auf das Unternehmenssystem beziehungsweise seine Umwelt durchschlagen. »Gelingt es, Schwache Signale zu erkennen und zu verarbeiten, so wird die Wahrnehmungszeit verkürzt und damit Zeit für ein gezieltes Agieren anstelle eines Reagierens unter erhöhtem Zeitdruck gewonnen.« [8]

Hierfür gibt zwei grundlegende Voraussetzungen: Erstens das Wahrnehmen beziehungsweise Erkennen schwacher Signale Scanning und zweitens die Verarbeitung und tiefergehende relevanzbezogene Analyse Monitoring. [9] Die Herausforderung ist allerdings, dass Früherkennungsinformationen über sich anbahnende Diskontinuitäten und Umbrüche nicht im Informationskern angesiedelt sind. Sie sind in den peripher angesiedelten »schwachen Signalen« zu suchen, die den Empfänger in den seltensten Fällen auf formalen Informationswegen, wie das monatliche Berichtswesen, SWOT-Analysen oder Balanced Scorecards, erreichen. [10]

Und genau da liegt Crux der schwachen Signale: Bislang ist es nicht, oder wenigstens nicht mit hinreichender Sicherheit, gelungen, ex ante vorherzusagen, was als schwaches Signal einzuordnen ist und was nicht, da es sich hierbei um schlecht strukturierte Information handelt, bei der sich der Empfänger in einem hohen Stadium der Ignoranz befindet. [11]

Dieses grundlegende Problem wird auch nicht ohne weiteres durch immer leistungsfähigere Informationsverarbeitungssysteme und -methoden zu lösen sein, da immer die Gefahr von Algorithmisierung und Verdichtungen zu Lasten schwacher, peripherer oder implizierter Informationen besteht. In ihrem Grunde wirken die gleichen cartesianisch-reduktionistischen Mechanismen, die dazu führen, dass man Monsterwellen aus vermeintlich gutem wissenschaftlichen Grunde als Seemannsgarn abtut: »Aber während sich der Reduktionismus auf Teile konzentriert, um das Ganze zu verstehen d. h. um die Rationalität von Dingen zu etablieren übersieht er die Verbindungen zwischen den Teilen und ignoriert ihre Bedeutung. In der letztendlichen Analyse wird Komplexität geopfert auf Kosten der Rationalität von Reduktionismus und deterministischer Kausalität, die in der Sequenz von Ursache und Wirkung ausgedrückt wird.« [12] Statt vordergründiger Ursache-Wirkungsbeziehungen haben wir es in soziotechnischen und sozioökonomischen Systemen mit Phänomenen wie Parallelität der Ursachen oder Gegenläufigkeit der Wirkungen zu tun. [13] Der von Frank Schätzing geprägte Begriff »Kausalitätenfilz« [14] spiegelt das Problem am ehesten wider: In komplexen, dynamischen Welten gibt nicht immer so einfache Antworten, dass sie sich in einem Spreadsheet darstellen ließen.

Spätestens wenn Datenänderungen im SAP-System auftauchen, kann man nicht mehr ruhigen Gewissens von »schwachen Signalen« oder gar Früherkennung sprechen. Schon das Argument, dass die Ist-Daten eines betrieblichen Informationssystems immer eine Rückschau darstellen, zeigt dabei anschaulich die Dimension des Problems: Der zur Verfügung stehende Wissensvorrat ist zu oft eine hermetische und nicht wandelbare Größe. Die meisten Prognose- und Planungsverfahren fußen auf einer Interpretation der Vergangenheit und deren mehr oder minder linearen Fortschreibung in die Zukunft und somit auf der Hoffnung, dass das Erfahrungswissen und die Interpretation auch für die Zukunft Gültigkeit haben. Allein wird das, was man im Rückspiegel zu sehen glaubt, nach vorne auf die Straße projiziert. Instabilitäten, Diskontinuitäten, Sprungverhalten, Krisen, Kaskadeneffekte und Verwerfungen wie Tsunamis, explodierende Space Shuttles, manipulierte Irak-Akten, LehmannPleiten und Milliardenbetrüger beispielsweise Bernard Madoff sind da einfach nicht vorgesehen. Die Kapitulationserklärungen von Bert Rürup, Thomas Straubhaar [15] und anderen Ökonomen sprechen Bände. Doch selbst wenn man einmal solch extreme Diskontinuitäten außer Acht lässt, bieten die typischen quantitativen Verfahren nur eine vordergründige und deshalb nicht ungefährliche Gewissheit. Der Tübinger Emeritus Joachim Starbatty kritisiert deshalb: »Ökonomen nehmen immer weniger wahr, was um sie herum vorgeht. Sie reduzieren ökonomische Realität auf statistische Zeitreihen. Diese können uns helfen zu erklären, was passiert ist, nicht aber zu erkennen, was sich zusammenbraut. Was nicht in gerade modischen, mathematisch gefassten Modellen behandelt wird, existiert nicht mehr.« [16]


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33 S. € 16,50

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Prof. Dr. Lutz Becker

Prof. Dr. Lutz Becker lehrt Unternehmensführung und internationales Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und leitet dort den Masterstudiengang »Leadership«. Er ist seit vielen Jahre als Managementberater und IT-Unternehmer (www.inscala.com) tätig und hat sich als Autor zahlreicher Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu Technologie- und Managementfragen einen Namen gemacht. E-Mail: lbecker@karlshochschule.de; lutz.Becker@inscala.com
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Prof. Dr. Andreas Müller

Prof. Dr. Andreas P. Müller ist Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft und Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind im Bereich der Organisationskommunikation und insbesondere der interkulturellen Wirtschaftskommunikation angesiedelt. Seine Promotion und seine Habilitation absolvierte er in den Sprachwissenschaften an der Universität Mannheim.
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