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Mensch und Arbeit
Handbuch für Studium und Praxis     
Glücksforschung
 
Karlheinz Ruckriegel
 

Seit vor gut zehn Jahren auch Ökonomen und Psychologen begonnen haben, sich für Fragen der Glücksforschung zu interessieren, nahm dieses Forschungsfeld einen einzigartigen Aufschwung. Neuerdings haben die Erkenntnisse der Glücksforschung auch in Politik und Managementlehre Einzug gehalten.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • womit sich die Glücksforschung beschäftigt,
  • welche Erkenntnisse die Glücksforschung gebracht hat,
  • welche Schlüsse die betriebliche Personalpolitik daraus ziehen kann beziehungsweise sollte.

 

Womit beschäftigt sich die Glücksforschung?

Im Englischen unterscheidet man zwischen »lucky« und »happy«, also zwischen Glück haben zum Beispiel im Lotto und glücklich sein weil man sich so fühlt. Im Deutschen wird für beides ein Wort, das sowohl den glücklichen Zufall als auch das Glücksgefühl beschreibt, benutzt: Glück. Happiness Research oder Glücksforschung beschäftigt sich mit Glück im Sinne des Glücksgefühls Lebenszufriedenheit. Ziel der Glücksforschung ist es, herauszufinden, was die subjektiv empfundene Zufriedenheit mit dem Leben das Glück fördert oder hemmt, um daraus Handlungsempfehlungen für die Wirtschaftpolitik zum Beispiel weg vom Bruttoinlandsprodukt, hin zu subjektiven Wohlfühlindikatoren als makroökonomische Zielgröße [1], für die Unternehmen zum Beispiel Schaffung von Rahmenbedingungen, die die Zufriedenheit der Mitarbeiter am Arbeitsplatz und damit natürlich auch ihre Motivation, ihr Engagement erhöhen sowie für den Einzelnen zum Beispiel die Erkenntnis, dass in den westlichen Industrieländern weniger ein »Mehr« an materiellen/wirtschaftlichen Gütern, sondern vielmehr ein »Mehr« an sozialen Kontakten und Mitmenschlichkeit, also ein Mehr an Beziehungsgütern relational goods das Glück/die Lebenszufriedenheit erhöht abzuleiten.

Was ist Glück? Wie wird Glück gemessen?

Ausgangspunkt für die Glücksforschung ist die Erkenntnis, dass Menschen nach Glück streben und dass das oberste Ziel des Menschen Glück oder Zufriedenheit, also weit mehr als bloße Einkommenserzielung ist. »Glück ist, wenn wir uns gut fühlen, und Elend bedeutet, dass wir uns schlecht fühlen«, so Richard Layard von der London School of Economics. Als unveräußerliches Recht wurde das menschliche Streben nach Glück »Pursuit of Happiness« 1776 in der US-Verfassung verankert. Das innerweltliche Streben nach Glück in einer säkularen Gesellschaft wurde neben Freiheit, Gleichheit, Bildung und Eigentum zum Leitwort der bürgerlichen Revolution. Jeder Mensch hat eigene Vorstellungen von Glück und das beobachtete Verhalten ist kein ausreichender Indikator für das persönliche Wohlbefinden. Dennoch lässt sich Glück erfassen und analysieren: Menschen können gefragt werden, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. So werden in umfangreichen Studien die Befragten gebeten, ihre Lebenszufriedenheit allgemein beziehungsweise ihre Zufriedenheit in unterschiedlichen Lebensbereichen Gesundheit, Arbeit, Haushaltseinkommen, Lebensstandard, Freizeit, Wohnung, Angebot von Waren und Dienstleistungen, Umweltzustand zu bewerten.

Einer der am häufigsten verwendeten Datensätze ist das Sozio-oekonomische Panel SOEP in Deutschland. Im SOEP wird seit Mitte der 80er-Jahre ein für die Gesamtbevölkerung repräsentativer Querschnitt an Haushalten präziser: die einzelnen Mitglieder dieser Haushalte jährlich unter anderem zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Die allgemeine Lebenszufriedenheit wird hier mit folgender Frage ermittelt: »Zum Schluss möchten wir Sie noch nach Ihrer Zufriedenheit mit Ihrem Leben insgesamt fragen. Antworten Sie bitte wieder anhand der folgenden Skala, bei der »0« ganz und gar unzufrieden und »10« ganz und gar zufrieden bedeutet. Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem mit Ihrem Leben?« Das SOEP liefert somit eine gute Basis, um die Einflüsse einzelner Faktoren wie das Eintreten von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennungen usw. auf die Lebenszufriedenheit abzuschätzen. So verringert etwa Arbeitslosigkeit die Lebenszufriedenheit eines durchschnittlichen Individuums in Deutschland um 0,626 Skalenpunkte auf der 10-Punkte-Skala. Eine feste Beziehung hat hingegen einen positiven Einfluss + 0,294 Skalenpunkte. [2] Die allgemeine Lebenszufriedenheit in Westdeutschland ist von 1984 bis 2006 von 7,4 auf 6,9 Skalenpunkte abgesunken die Werte für die Arbeitszufriedenheit sind von 7,7 auf 6,8 Skalenpunkte noch deutlicher zurückgegangen!. In Ostdeutschland liegen die Werte unter den westdeutschen. 2006 betrug die Differenz 0,6 Skalenpunkte.

Abb. 1:

Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens und des Glücksempfindens in den USA

Quelle: Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft, Frankfurt/Main 2005, S. 44.

Warum uns Geld allein nicht glücklich macht das Easterlin-Paradoxon

Obwohl in den letzten Jahrzehnten die westlichen Länder ein in der Geschichte einzigartiges Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatten, zeigen Befragungen, dass über diese Zeit keine Zunahme der Lebenszufriedenheit des Glücksempfindens zu verzeichnen war. So lag in den USA der Prozentsatz der Menschen, die sich als sehr glücklich bezeichneten bei dieser Untersuchung konnten die Befragten mit »sehr glücklich«, »recht glücklich« oder »nicht sehr glücklich« antworten , immer bei etwa 30 Prozent, obwohl sich das reale Pro-Kopf-Einkommen in dieser Zeit verdreifacht hat. Ähnliche Befunde liegen auch für Europa und Japan vor.

In der Literatur spricht man hier auch vom so genannten Easterlin-Paradoxon. Diese Erkenntnis ist nämlich ein Problem für die gängige ökonomische »Mainstream-» Theorie, die Ansprüche/Erwartungen »habit formation« und interdependente Präferenzen ausklammert.

Vergleich und Gewöhnung sind aber gerade die Ursachen des Easterlin-Paradoxons, das nach Richard Easterlin benannt wurde, der diesen Sachverhalt bereits 1974 problematisierte. [4]

Zum einen ist sofern die materielle Existenz gesichert ist weniger das absolute Einkommen, sondern vielmehr das relative Einkommen für den Einzelnen entscheidend. Die Summe der Rangplätze in einer Volkswirtschaft ist aber fix: steigt einer auf, muss ein anderer absteigen ein Nullsummenspiel. Zum anderen passen sich die Ansprüche und Ziele an die tatsächliche Entwicklung an, das heißt mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche, so dass daraus keine größere Zufriedenheit erwächst so genannte hedonistische Tretmühle.

Abb. 2:

Entwicklung des tatsächlichen Einkommens und des benötigten für notwendig gehaltenen Einkommens in den USA

Quelle: Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft, Frankfurt/Main 2005, S. 54.

Weltweite Untersuchungen zeigen, dass die Lebenszufriedenheit bis US 10.000 BIP pro Kopf eindeutig zunimmt, danach allerdings nur noch ein schwacher beziehungsweise kein Zusammenhang zwischen der Lebenszufriedenheit und einer Zunahme des BIP pro Kopf mehr besteht. [5] Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn nach Abdeckung der Grundbedürfnisse kommt den materiellen Gütern eine immer geringere Bedeutung zu.

Was uns wirklich glücklich macht

Die Glückforschung hat sieben Glücksfaktoren identifiziert: familiäre Beziehungen, befriedigende Arbeit, soziales Umfeld, Gesundheit, persönliche Freiheit, Lebensphilosophie Religion und die finanzielle Lage Einkommen.

»... unser Glück hängt vor allem davon ab, wie unsere Beziehungen zu anderen Menschen aussehen. Wir brauchen daher eine Politik, in der die Zwischenmenschlichkeit eine große Rolle spielt... Wenn wir nicht erkennen, wie schnell uns unsere materiellen Besitztümer langweilen, dann geben wir zu viel Geld für ihre Anschaffung aus, und zwar auf Kosten unserer Freizeit. Wir unterschätzen gern, wie schnell wir uns an neue Gegenstände gewöhnen; die Folge ist, dass wir viel zu viel Zeit darauf verwenden, zu arbeiten und Geld zu verdienen, und andere Aktivitäten vernachlässigen.« [7]

Glücklicherweise betrifft diese »hedonistische Tretmühle« nicht alle Erlebnisse. »Das Zusammensein mit der Familie, mit Freunden, Sex, ja sogar die Qualität und Sicherheit unserer Arbeit stellen Erfahrungen dar, an deren positive Auswirkungen wir uns nicht gewöhnen. Glück rührt also von unseren Erfahrungen her, vor allem von unseren Erfahrungen mit anderen Menschen.« [8] Gestützt und erklärt wird diese Aussage auch durch Erkenntnisse aus der Neurobiologie. Danach ist der Mensch darauf gepolt, vertrauensvoll zu agieren und gute Beziehungen zu anderen zu gestalten, so dass Menschen kooperatives Verhalten einzelkämpferischen Strategien vorziehen. »Das vorrangige »Triebzentrum« des menschlichen Gehirns sind die... Motivationssysteme, deren »Verlangen« bei gesunden, nicht traumatisierten Menschen primär auf zwischenmenschliche Bindung und soziale Gemeinschaft gerichtet ist, was den Begriff »social brain« entstehen ließ.« [9]

Die Beschäftigung mit dem, was Menschen glücklich macht, ist allerdings nicht neu. Schon Aristoteles hat sich in seiner Nikomachischen Ethik damit intensiv auseinander gesetzt: »In der Frage, wie man jene moralischen Fähigkeiten oder Tugenden erkennen könne, in denen wir uns üben sollen, um Glück zu erfahren, empfiehlt uns Aristoteles eine allgemeine und grundlegende Regel: ... Suche die Mitte, suche das rechte Maß im Leben.« [10] Relativ neu ist hingegen, dass es zumindest im Westen materiell keinen Kampf ums tägliche Überleben mehr gibt, so dass sich Aristoteles' Rat faktisch nicht mehr nur an eine verschwindend geringe Minderheit in der Bevölkerung richtet, sondern an alle.


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Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel

Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel, Jahrgang 1957, Studium der Volkswirtschaftslehre, anschließend Promotion zum Thema »Finanzinnovationen und nationale Geldpolitik«. Dr. Karlheinz Ruckriegel ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Geldpolitik an der Georg-Simon-Ohm Hochschule in Nürnberg. Mit der Glücksforschung beschäftigt er sich seit 2005.
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